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Hintergrundartikel
Konzeptwettbewerbe bei Logistik-Ausschreibungen - Chance oder Risiko?
Mai 2010 - Viele Unternehmen haben ihre Logistik an externe Logistikdienstleister vergeben und damit oft auch eigenes Logistik-Know-how und eigene Entwicklungskapazitäten abgebaut. Konzeptwettbewerbe im Zuge einer Ausschreibung bieten eine verlockende Möglichkeit, die Konzeptentwicklung auf die Logistikdienstleister zu übertragen. Doch welche Risiken bringen Konzeptwettbewerbe mit sich?

Es ist gar nicht lange her, dass die Logistikwelt von Laderaumverknappung, Fahrermangel, Dieselzuschlag und explodierenden Frachtraten sprach. Wer Transporte ausschrieb, konnte froh sein, wenn er überhaupt eine nennenswerte Anzahl an Angeboten erhielt.

Infolge der Wirtschaftskrise heißen die Schlagwörter in der Logistikbranche aktuell Umsatzrückgang, Margendruck, Fuhrpark- und Personalabbau. Die Preise besonders für
Transportdienstleistungen auf der Straße kennen nur noch eine Richtung: abwärts. So teilte das Statistische Bundesamt gerade mit, dass die Frachtraten für Straßengütertransporte im ersten Quartal 2010 gegenüber dem ersten Quartal des Vorjahres um 2,4 Prozent sanken. Damit fielen die Preise bereits das sechste Quartal in Folge.

Konzeptwettbewerbe bei Ausschreibungen nehmen zu

Viele Verlader
nutzen daher die Gelegenheit, um sich durch Ausschreibungen auf längere Sicht günstigere Einkaufskonditionen zu sichern. Dabei ist zu beobachten, dass mehr Ausschreibungen als früher als Konzeptwettbewerb durchgeführt werden. D.h. das ausschreibende Unternehmen fordert den Bieter auf, nicht nur für eine vorgegebene Struktur ein Angebot mit Preisen abzugeben, sondern das optimale Logistikkonzept selbst zu entwickeln. So soll der Dienstleister beispielsweise auf Grundlage bereit gestellter Auftragsdaten die Anzahl und Lage der Lagerstandorte optimieren sowie die zugehörigen Prozesse, Sortimente, Materialflüsse und Liefergebiete planen.

Das Verhalten der Verlader ist nachvollziehbar. Reduzierte eigene Entwicklungskapazitäten sowie der enorme Kostendruck, verursacht durch die weltweite Wirtschaftskrise, verleiten viele Unternehmen dazu, im Zuge der Ausschreibung auf das kostenlose Know-how der Logistikdienstleister zurückzugreifen.

Arbeitsaufwändiges Logistikkonzept

Doch gerade darin besteht eine erhebliche Gefahr. Bei der Entwicklung eines Logistikkonzeptes sind tiefe Kenntnisse über die Kundenanforderungen des ausschreibenden Unternehmens
erforderlich und daraus abgeleitete pfiffige Ideen, wie man sich bei minimalen Kosten logistische Vorteile gegenüber dem Wettbewerb verschaffen kann.

In der Regel kommen mehrere Alternativen in Frage, die sich etwa darin unterscheiden, wo und wie viele Lagerstandorte vorzuhalten sind, welches Sortiment wo gelagert wird, wie die Lagerprozesse durchgeführt werden oder wie schnell Aufträge von Kunden ausgeliefert werden können. In all diesen Alternativen müssen
die Auswirkungen z.B. auf Kosten, Qualität, Flexibilität und Lieferservice bewertet und miteinander verglichen werden, um die ideale Logistikstruktur auswählen zu können. Dies erfordert einen erheblichen Arbeits- und Zeitaufwand. Da ist es wünschenswert, diesen Aufwand auf den Lieferanten, also den Logistikdienstleister zu verlagern.

Verschenkte Potenziale

Viele Logistikdienstleister erhalten jedoch gerade in diesen Zeiten so viele Anfragen, dass sie gar nicht die Zeit haben, sich intensiv mit der Konzeptentwicklung auseinanderzusetzen. Zudem stellt sich jeder Dienstleister natürlich die Frage, wie seine Chancen stehen, im Zuge der Ausschreibung den Zuschlag zu bekommen, und ob sich seine Siegchancen durch die aufwändige Entwicklung eines ausgeklügelten Logistikkonzeptes entscheidend verbessern. Der Dienstleister hat ein relativ hohes Risiko, dass seine Konzeptideen die Anforderungen des ausschreibenden Unternehmens zumindest in Teilen nicht erfüllen, weil sich kaum alle notwendigen Informationen für die Konzeption in einer Ausschreibungsunterlage darstellen lassen.

Infolge dessen werden oft gängige Logistikstrukturen angeboten, die manchmal den Eindruck hinterlassen, dass mehr der Nutzen des Dienstleisters im Vordergrund steht als der des Verladers. So wird beispielsweise ein Zentrallager an einem Standort angeboten, wo der Dienstleister gerade Geschäft verloren hat. Dass sich dabei die Lieferzeiten zum Warenempfänger des Verladers erheblich verschlechtern, bleibt im Angebot unerwähnt.

Selbstverständlich soll der Dienstleister sein Know-how und seine spezifischen Voraussetzungen, Fähigkeiten und Vorteile in sein Angebot einbringen können. Ansonsten blieben Potenziale und Chancen jenseits der Ausschreibungsvorgaben auf der Strecke. Die Entwicklung und Vorgabe eines kosten- und serviceoptimalen Logistikkonzepts, das ausschließlich den Nutzen des Verladers in den Mittelpunkt stellt, eröffnet aber eben auch
Einsparungsmöglichkeiten und wesentliche Potenziale, die jenseits von Standardlösungen liegen.

Erst die eigenen Hausaufgaben machen

Die Empfehlung kann daher nur lauten, vor der Ausschreibung Strukturen und Prozesse aus Sicht des Verladers zu optimieren und in der Ausschreibungsunterlage vorzugeben. Anschließend müssen
Dienstleister als Teilnehmer an der Ausschreibung identifiziert werden, die aufgrund ihrer regionalen Präsenz und ihrer Tätigkeitsschwerpunkte zu den Inhalten der Ausschreibungsunterlage passen. Von dem Dienstleister wird dann erwartet, dass er auf das vorgegebene Konzept anbietet und ZUSÄTZLICH eigene konzeptionelle Ideen einbringen kann.

Dieses Vorgehen erscheint aufgrund der vorgelagerten Konzeptphase aufwändiger. Jedoch sichert es neben erhöhten Potenzialen eine bessere Vergleichbarkeit der Angebote und damit eine erheblich bessere Ausgangssituation für die Verhandlungen.

Wenn alle Dienstleister auf dieselbe Logistikstruktur anbieten, sind die angebotenen Preise bei präziser Beschreibung der Leistungsanforderungen vergleichbar. Schlägt aber ein Bieter ein Zentrallager in Leipzig, ein anderer ein Zentrallager in Köln und ein dritter zwei Regionallager in Hannover und Stuttgart vor, so unterscheiden sich die Auslieferentfernungen zum Kunden erheblich. Aussagen, ob die angebotenen Preise marktgerecht sind, lassen sich nicht treffen.

Trotz einiger Vorteile überwiegen somit die Nachteile von Konzeptwettbewerben ganz erheblich. Dies gilt ganz besonders bei komplexeren Logistikabwicklungen.


 

 
 

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